Umweltschutz

Warum klimastabiler Mischwald angesagt ist

Habt ihr auch schon mal den Bäumen beim Sterben zugeschaut? Mir ging es so im Sommer 2018. Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit fuhr ich mit der Bahn durch den Wald – Monokultur.

... in 50 Jahren gewachsen, in drei Monaten verdurstet. Seitdem freue ich mich über jeden Regentropfen, der mir einen Sommertag versaut. Wasser ist Leben und es wird knapp. Wer überleben will, muss sich anpassen. Das gilt für uns und für den deutschen Wald. Good bye Monokultur, hier kommt der Mischwald!

Dürfen wir vorstellen? Der klimastabile Mischwald. Eine Einführung, warum Tiere auf Mischwälder stehen.

Ein Gespräch mit unserem Klimaförster Jan Borchert 

1. Jan, was ist klimastabiler Mischwald?

Klimastabile Mischwälder sind jene, die auch in 80 bis 100 Jahren mit dem sich wandelnden Klima klarkommen und überleben werden. In solchen Wäldern stehen Bäume, die nicht absterben, wie die Nadel-Monokulturen in den vergangenen Jahren. Auch nicht in sehr trockenen und heißen Jahren. Sie kommen klar.

2. Warum stehen die Tiere auf Mischwälder?

Kiefer und Fichte dominieren als Baumarten in Deutschlan

Kurz gesagt: Je mehr Baumarten desto mehr Tierarten. Sie leben – wie die Stadtmenschen unter uns – in verschiedenen Etagen: im Boden, auf dem Boden, am Stamm, im Stamm, auf den unteren Ästen, in der Baumkrone. Unterschiedliche Etagen heißt: unterschiedliche Tiere, heißt: unterschiedliche Möglichkeiten. Deswegen fühlen sich Tiere im klimastabilen Mischwald wohl. Zum Beispiel die Insekten: Sie spezialisieren sich oft auf eine Baumart, das heißt, je mehr verschiedene Baumarten in einem Wald wachsen, desto mehr verschiedene Insektenarten finden Schutz. Gerade in Zeiten des großen Insektensterbens spielt der klimastabile Mischwald also auch diesbezüglich eine große Rolle. Mehr Insekten heißt dann wiederum mehr Vögel und Vögel locken andere Tiere an.

Und noch etwas: Im klimastabilen Mischwald ist der Tisch reichlich gedeckt: Zuerst blüht die Kirsche und bietet Nahrung für Insekten. Später wirft die Eiche Eicheln ab, die der Renner bei Wildschweinen und Eichhörnchen ist. Und unter der Hainbuche wühlen die Mäuse nach deren Samen. Hirsche und Rehe indes haben die jungen Laubbäumchen zum Fressen gern und später das Laub der ausgewachsenen Bäume. Zwar fressen sie auch junge Fichten, sind die aber erstmal groß, mögen die Tiere sie nicht mehr. 

Auch attraktiv für die Waldbewohner: Mischwald begünstigt die Bodenvegetation und damit zusätzlichen Lebensraum. In Nadelholz-Monokulturen ist es dafür zu dunkel. Es gab früher unter Förstern den Spruch: “In einem guten Fichtenreinbestand musst du auch im Sommer die Taschenlampe anschalten.” Da ist es zappenduster. Klar, dass da nichts am Boden wächst. Im Mischwald dagegen fällt das Licht bis ganz nach unten. So ist eine so genannte Naturverjüngung möglich: Unter den großen Bäumen wachsen kleine Bäume. Manche sind ein bisschen buschig, manche hoch, manche niedrig, so dass sie unterschiedlichen Tierarten Deckung bieten. 

3. Hat Mischwald einen positiven Effekt auf seine unmittelbare Umgebung?

Ja, auf das Mikroklima. Wald kühlt seine Umgebung runter, weil er extrem viel Wasser verdunstet und verdunstendes Wasser eben kühlend wirkt. Zudem spenden Bäume Schatten, dementsprechend ist es im Wald angenehmer, wenn es heiß ist. Unter einem Baum kann es bis zu 15 Grad kühler sein als in seiner Umgebung. Auch ein wichtiger Faktor: Der klimastabile Wald wirkt wie ein großer Filter so dass wir saubere Luft atmen können.  

4. Warum ist klimastabiler Mischwald der Wald der Zukunft? 

Ganz einfach. Er trotzt den Gefahren der Zukunft am besten: Trockenheit, Wind und Insekten, Krankheiten, Pilzen, Bakterien. 

Neben Pflanzen profitieren auch Tiere und Menschen von gesunden Wäldern

Wider die Schädlinge:
Wenn man einen Wald durchmischt, haben etwa Insekten, die zur Massenvermehrung neigen, weniger Chancen. Der Grund: Insekten sind meist auf eine Baumart spezialisiert. In den Monokulturen der Vergangenheit hat das mega reingehauen. Der Borkenkäfer, der immer nur an die Fichte geht, hat ganze Wälder weggefressen. Er hatte leichtes Spiel, der Tisch war gedeckt, er konnte sich (massen-)vermehren. Das wollen wir natürlich nicht, also macht es Sinn, verschiedene Baumarten durcheinander zu pflanzen. 

Licht und Schatten:
Auch ein Vorteil von Mischkultur: Lichtliebende Bäume spenden anderen, die es dunkler mögen, Schatten. 

Ausgewogener Wasserhaushalt:
Bäume im klimastabilen Mischwald wurzeln unterschiedlich tief. Das heißt, sie beziehen ihr Wasser aus verschiedenen Etagen im Boden. Dadurch konkurrieren sie nicht miteinander; sie können alle ihren Durst stillen. Deswegen ist zum Beispiel auch eine Laubwald-Monokultur, etwa ein Eichenwald, nicht unbedingt klimastabil. Alle Bäume wurzeln in der gleichen Etage. Das Wasser darüber oder darunter bleibt ungenutzt, während die Bäume in heißen trockenen Sommern trotzdem fast verdursten. 

Kein Problem mit Wind:
Beim klimastabilen Mischwald ist das Risiko des so genannten Windwurfs gering: Wenn am Rand und zwischendrin Bäume stehen, die sehr sehr stabil sind, weil sie tief wurzeln und fest verankert sind, brechen sie den Wind und schützen die schlechter verankerten Bäume. Keiner fällt um. 

Man sieht: Unterschiedliche Bäume begünstigen sich gegenseitig und konkurrieren nicht miteinander. Man könnte auch sagen: Gemeinsam sind sie unschlagbar. Deswegen ist ein klimastabiler Mischwald der Wald der Zukunft.

5. Warum ist Mischwald so wertvoll für´s Klima?

Naja, ganz so kann man es nicht sagen. Nur auf´s Klima bezogen ginge es ja nur um die Frage: Welcher Baum speichert in der kürzesten Zeit das meiste CO₂? Da schneidet tatsächlich erstmal eine Nadelbaum-Monokultur besser ab. Fichten wachsen schneller als andere, speichern also mehr CO₂ in kürzerer Zeit. Im klimastabilen Mischwald dagegen stehen auch langsam wachsende Bäume. 

Kurzfristig gesehen ist also Monokultur wertvoller für´s Klima. ABER: Wie wir gesehen haben, wird sie im schlimmsten Fall nur 20 bis 30 Jahre alt, weil sie dem Borkenkäfer, Hitze und Trockenheit zum Opfer fällt. 

Eine andere Gefahr für die Reinkultur sind jene Angreifer, die wir im Moment noch gar nicht kennen. In dem Zusammenhang ist die Globalisierung zu nennen. Sie hat uns Menschen das Coronavirus eingebrockt und beschert Bäumen immer wieder Insekten und Pilze aus dem Ausland. Deswegen stirbt zum Beispiel gerade die Ulme aus. Was, wenn gerade sie die Baumart gewesen wäre, auf die wir in ganz Deutschland in Form von Monokultur gesetzt hätten? Dann hätten wir jetzt ein echtes Problem, nämlich keine Wälder mehr.

Man kann das mit dem Börsenmarkt vergleichen: Ich kann die Hochrisiko-Aktie nehmen, die mir am meisten Kohle einbringt. Aber das kann auch richtig schief gehen: Wenn die abstürzt, bin ich pleite. So ist es mit der Monokultur: Setze ich ausschließlich auf sie, stehe ich im schlimmsten Fall ohne Wald da. Deswegen ist es sinnvoller, Mischwald zu pflanzen. Langfristig gesehen ist er also wertvoller für das Klima, auch wenn er langsamer wächst und CO₂ nicht so schnell speichert wie Monokultur. 

6. Wie viele Baumarten gehören in einen klimastabilen Mischwald?

Schon zwei verschiedene Baumarten machen einen Mischwald. Aber wir pflanzen meistens drei verschiedene Sorten. Zusätzlich setzen wir auf so genannte Naturverjüngung. Das heißt, wir pflanzen die Hauptbäume etwas weiter auseinander und über die Jahre wachsen dazwischen andere Arten, deren Samen zum Beispiel Vögel in den Wald eingeflogen haben. Auf diese Weise bleibt es nicht bei drei Baumsorten. Wie viele es werden, gibt die Natur vor.

7. Welche Baumarten gehören in den klimastabilen Mischwald?

Alle Baumarten, die mit Hitze und Trockenheit klarkommen, gehören in einen klimastabilen Mischwald. Das sind Baumarten, die tief wurzeln oder viel abkönnen. 

Jan beim Pflanzen einer Erle

Tiefwurzler sind etwa die Eiche, Hainbuche und Elsbeere. Sie erreichen die unteren Erdschichten, in denen sich auch noch Wasser findet, wenn es mal nicht regnet. Nach Regen sind die oberen Schichten natürlich auch gut durchfeuchtet, trocknen aber schnell wieder aus. Man glaubt gar nicht, wie lange es regnen müss e, um sie nachhaltig zu durchnässen. Zwei Wochen lang ununterbrochener Nieselregen wäre schon mal gut. Das passiert meistens nur im Herbst und Winter. Danach trocknen die Schichten von oben nach unten aus und nur Tiefwurzler kommen auch im Sommer an Wasser. 

Bäume, die hart im Nehmen sind, also stressresistenter als andere, sind zum Beispiel Obstsorten wie die Kirsche oder gewisse Birnensorten. Auch die Walnuss und Schwarznuss halten viel aus. Die kriegste nicht klein, sozusagen. 

8. Gehören denn Nuss- und Obstbäume in einen klimastabilen Mischwald?

Ja klar! Haben wir auch schon gepflanzt. Kirsche; Wildkirsche zum Beispiel. Ebenso wilde Birnen. Walnuss und Schwarznüsse kommen jetzt im Herbst dran. Diese Bäume sind extrem hartnäckig. Wo sich eine Walnuss zum Beispiel festkrallt, da ist sie erst mal nicht mehr wegzukriegen. Die Kirsche wächst auch unheimlich gut. Deswegen gehören diese Bäume definitiv in einen klimastabilen Mischwald. 

9. Was hat klimastabiler Mischwald dem Boden zu bieten, auf dem er wächst?

Generell gilt: Nadelwald macht den Boden sauer und je saurer der ist, desto niedriger die Bodenqualität, desto weniger Leben im Boden, denn dann sinkt der Nährstoffgehalt.

Wie macht Nadelwald den Boden sauer? Fichten filtern mit ihren dicht stehenden Nadeln Feinstaub aus der Luft. Fällt Regen, wäscht er ihn von den Bäumen hinein in den Boden. Dieser wird sauer. Das kann in klimastabilen Mischwäldern nicht passieren, da in der Hälfte des Jahres kein Laub an den Bäumen ist, das die Luft filtern könnte. 

Dementsprechend ist der Boden unter einem Nadelreinbestand viel saurer als unter Laubwald. Das beeinflusst das Bodenleben: Denn nicht nur der pH-Wert ändert sich, sondern auch die Konsistenz und Struktur der Erde: Sie wird sandiger, das bedeutet sie kann Wasser nicht mehr so gut halten. Außerdem ist sandiger Boden nährstoffärmer. Dementsprechend wachsen weniger Kräuter und Gräser, womit Nahrung für am Boden lebende Tiere wegfällt. Auch im Boden ist weniger los: Zunächst verschwindet der Regenwurm, dann der Maulwurf. Beide sind Meister der Bodendurchlüftung. Sie durchwühlen die Erde und deswegen können auch Mikroorganismen im Boden besser arbeiten. Deswegen kann man sagen: 

Im klimastabilen Mischwald herrscht nicht nur ÜBER dem Boden eine riesige Vielfalt, sondern auch IM Boden. Und zwar tiefgehend, weil die unterschiedlichen Bäume in allen Schichten wurzeln –  im Gegensatz zur Fichten-Monokultur, wo die Wurzeln nur in der obersten Schicht stecken. 

So ist der Boden besser durchlüftet, die Bäume bekommen genug Wasser, dadurch stirbt der Wald nicht, den Tieren bleibt der Lebensraum, den Menschen der Klimaheld. Eine Win-Win-Situation.